Donnerstag, 20. Januar 2011

Die Sollbruchstelle hat ausgedient

Schon in meiner Jugend bin ich auf ein Prinzip gestoßen. Und das kam so: Ich hatte einen Nachhilfeschüler in Latein. Seine Noten lagen bei Beginn des regelmäßigen Unterrichts bei – na logisch! – einer glatten Fünf. Nach einem halben Jahr baten mich die Eltern zu einem Gespräch. Hocherfreut teilten sie mir mit, dass ihr Sohn nunmehr auf einer Drei stünde. Ihr letzter Satz lautete ungefähr: „Wenn wir Dich mal wieder benötigen sollten…“

Da erkannte ich, dass ein Nachhilfelehrer nicht Dümmeres tun kann, als seinen Schüler auf Stand zu bringen. Und daraus habe ich ein Prinzip abgeleitet, das - so scheint mir - ganz wesentlich zum Wohle unseres Bruttosozialproduktes beiträgt: Das Prinzip der konstanten leichten Unzufriedenheit.

Seither entdecke ich dieses Prinzip an allen Orten und in allen Branchen. Die Gewerkschaften als Beispiel fordern fünf Prozent, bekommen zwei, und es bleibt hinreichend Unzufriedenheit für die nächste Tarifrunde zurück. Man stelle sich vor, die Gewerkschaften erreichen Ihr Ziel der sozialen Gerechtigkeit. Das wäre für die Gewerkschaft eine Katastrophe, würde sie dann doch nicht mehr benötigt.

Und genauso läuft das in der Wirtschaft. Paradebeispiel PC. Spätestens nach zwei Jahren ist man nicht mehr zufrieden mit dem Teil. Dafür sorgt Microsoft & Co. mit immer „neuer“ Software, die stets größere Festplatten oder schnellere Prozessoren benötigt. Nur besser wird sie nicht. Das, was ich heute z.B. mit Excel mache – und man möge mir glauben: das ist nicht wenig! – hätte ich auch schon mit Office 95 gekonnt. Ein Fortschritt ist für den Normal- bis Fachverbaucher nicht erkennbar. Und dennoch sieht man sich genötigt, ein neues Gerät anzuschaffen, lange bevor der Prozessor aus Altersschwäche überhitzt oder die Tastatur klemmt. Die gute alte Sollbruchstelle hat ausgedient. Die Methode, die für den Verkauf neuer Geräte sorgt, ist weitaus subtiler. Man sorgt für eine konstante leichte Unzufriedenheit.  

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